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Bloß nicht sauer werden!  Ein Beitrag aus der Zeitschrift Schrot & Korn

Eine „säure bildende" Ernährung macht krank: für Alternativmediziner ein Fakt. Die Wissenschaft bleibt skeptisch. // Helga Boschitz
Zum Frühstück reichlich Kaffee, Brötchen mit Käse und Wurst, da zu ein weich gekochtes Ei.
Mittags Kantinenessen: Fleisch
mit Kartoffeln und Soße, danach ein süßes Dessert.
Und abends? Vielleicht noch ein kleines Abendbrot, oder auch nur ein paar -
 
Nüsschen zum Bier oder Wein:
So sieht die alltägliche Ernährung vieler Menschen in der westlichen Welt aus.
Für Naturheilkundler, ganzheitlich-orientierte Ärzte und viele Ernährungswissenschaftler steht fest: Wer sich so ernährt, übersäuert seinen Körper. „Zu sauer" wird demnach unser Organismus, wenn wir zu viele säure-bildende Lebensmittel wie Fleisch- und Milchprodukte, Koffein und Alkohol konsumieren und es der Körper deshalb nicht mehr schafft, den so entstandenen Säureüberschuss in den Körperflüssigkeiten sowie in und zwischen den Körperzellen zu neutralisieren. Mögliche Folgen: Müdigkeit, Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen bis hin zu Gicht, Rheuma und Allergien.

Lebenswichtige Balance :
Im menschlichen Organismus laufen ständig chemische Prozesse ab, die alle lebenswichtigen Vorgänge steuern. Ganz wesentlich ist dabei, dass der Säuregrad (pH-Wert) des Blutes möglichst stabil bleibt. Ist das Säure-Basen-Verhältnis im Inneren gestört, gerät das Gleichgewicht der Körpersafte und damit die Gesundheit in Gefahr. Der Körper ist darauf eingerichtet, ein solches Ungleichgewicht zu regulieren; mit Hilfe von Körpereigenen Schutzvorrichtungen, den sogenannten „Puffersystemen". Zu ihnen gehören Säure abfangende Stoffe in Blut und Zellen sowie mehrerer Organe. Wesentliche Rollen spielen dabei Lunge und Nieren. Über die Lunge werden Säuren als Kohlendioxid „ausgeatmet" (gefördert durch Bewegung an der frischen Luft), die Nieren sorgen mit ihrer Arbeit für eine besonders effektive Säure- ausscheidung vorausgesetzt, wir nehmen ausreichend Flüssigkeit zu uns.
Wissenschaftlich geprägte Schulmediziner betonen, dass die körpereigenen Puffersysteme ausreichten, um den Körper zu schützen. Sie zweifeln die Diagnose „unterschwellige Übersäuerung" grundsätzlich an. Dagegen sehen viele Vertreter der Alternativmedizin einen Ernährungbedingten ständigen Säureüberschuss im Körper als Grundübel unserer westlichen Welt, das nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche belastet. Allgemeinarzt und Naturheilkundler Michael Worlitschek etwa hält nur bei Neugeborenen nach einem unproblematischen Schwangerschaftsverlauf den Säure-Basen-Haushalt für ideal  ausbalanciert. „Für die meisten, Menschen ist der Zustand einer unterschwelligen Übersäuerung bereits Alltag", sagt der erfahrene Mediziner und Buchautor.

Wissen aus Erfahrung
Auch Sabine Wacker,* Heilpraktikerin und Autorin mehrer Sachbücher, sieht ihre Haltung zum Säure-Basen-Haushalt in ihrer täglichen Praxis bestätigt.
Seit fast 10 Jahren erlebe ich es immer wie der, dass Patienten sich schon eine Woche nach Umstellung ihrer Ernährung bedeutend besser fühlen", berichtet die überzeugte Verfechterin des Basenfastens, die dazu ihre eigene „Wacker-Methode" entwickelt hat. Eindeutig diagnostizierbar ist eine Ernährungbedingte latente Übersäuerung nicht - und ebenso wenig lässt sich streng wissenschaftlich beweisen, das die typische Ernährung der westlichen Welt manche Zivilisationskrankheiten zumindest begünstigt. Dass sich die Schulmedizin mit der Akzeptanz der Säure-Basen-Theorie nach wie vor so schwertut, liegt wohl genau daran. Ein weiterer Grund für die Skepsis der Wissenschaftler ist vermutlich, dass viele Analysen menschlicher Stoffwechselvorgänge unterschiedliche Interpretations möglichkeiten zulassen.

Zusammenhänge unklar - Ein Beispiel:
Nach Kaffeegenuss ist der Säureanteil im Urin erhöht, weshalb Kaffee meist als Säurebildner eingestuft wird. Eine mögliche Erklärung dafür Wäre, dass das Koffein die Produktion von Magensäure ankurbelt. In diesem Fall entsteht der Säurepuffer Bicarbonat, der vom Blut aus hilft, Säure zu Nieren und Lunge zu transportieren, was bedeutet, dass Koffein auch als Säurepuffer fungieren könnte. Der saure Urin würde dann eben nicht eine „Übersäuerung" anzeigen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass die Säure-ausscheidung gut funktioniert. „Die Mechanismen einer Übersäuerung sind noch nicht zufriedenstellend geklärt", sagt der Ernährungswissenschaftler und stellvertretende Leiter der UGB (Unabhängige Gesundheitsberatung) Akademie Hans-Helmut Martin. Gleichzeitig, so Martin Weiter, verdichteten sich jedoch die Hinweise auf Zusammenhänge zwischen zu viel Säure im Körper und bestimmten Krankheiten: Bei neueren Empfehlungen für Osteoporosepatienten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung werde inzwischen der Begriff „mäßige Azidose (Übersäuerung)" erwähnt. Das könne darauf hindeuten, dass selbst die streng Wissenschaftlich orientierte DGE beginne, die bisher nur von Alternativmedizinern festgestellte Diagnose „latente Übersäuerung" anzuerkennen.
DGE und UGB vertreten gleichermaßen die Ansicht, dass eine sogenannte „basenüberschüssige" Kost  gesundheitliche Vorzüge hinsichtlich Nährstoffversorgung und Bekömmlichkeit liefert. Doch während die DGE in offiziellen Statements den hohen Stellenwert des Säure-Basen-Haushalts in alternativen Ernährungsformen als „wissenschaftlich nicht begründet" bewertet, steht die UGB diesem Thema grundsätzlich aufgeschlossener gegenüber: „Es gibt durchaus Beobachtungen, die darauf hinweisen, dass basenorientierte Kost bei bestimmten gesundheitlichen Störungen hilft", sagt Hans-Helmut Martin.

Auch die Psyche spielt mit
Wer für ein optimales Säure-Basen-Gleichgewicht im eigenen Körper sorgen will, hat viele Möglichkeiten. Für Sabine Wacker, die Entwicklerin des Basenfastens nach der Wacker-Methode, ist eine ausgewogene und möglichst naturbelassene Kost das A und O: „Regional, saisonal und reif sollten die Lebensmittel sein", sagt sie, betont aber auch die Wichtigkeit positiver Lebensumstände, die auch mal Ausreißer erlaube: „Wenn ich in fröhlicher Runde einen Schweinebraten esse und dazu ein paar Gläschen Wein genieße, schade ich mir damit weniger, als wenn ich schlecht gelaunt Gemüse mit Kräutertee verzehre." Ihr Kollege Michael Worlitschek sieht das ebenso, er empfiehlt zudem eine maßvolle Nahrungsergänzung durch Basenpräparate im Gegensatz zu Wacker, die dies bei einem leicht übersäuerten Menschen für unnötig hält. Solche Zusatzprodukte, die meist als Pulver oder Tabletten erhältlich sind, können bei der Umstellung auf basische Ernährung ebenso unterstützend wirken wie Schüssler-Salze. Frank Schirmer Ernährungs- und Gesundheitscouch empfiehlt, bei Basenpräparate auf Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs zu achten, da diese auch bei dauerhafter Einnahme keine schädlichen Nebenwirkungen hätten. Letztlich bleibt festzuhalten, was menschliche Erfahrung zeigt - und kein Wissenschaftler abstreiten wird: Wer sich „basisch" ernährt, sich viel bewegt und eine positive Lebensführung pflegt, wird selten sauer.
Weiterführende Literatur zum Thema im Internet: www.schrotundkorn.de
 

 

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